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Heranwachsende und junge Erwachsene (AYA)

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Heranwachsende und junge Erwachsene (AYA)

Stand: Mai 2011

1Krebs bei jungen Erwachsenen

1.1Wer ist betroffen?

Die Betreuung von Heranwachsenden und jungen Erwachsenen mit Krebs ist eine besondere Herausforderung. Die Bedürfnisse in dieser Altersgruppe unterscheiden sich wesentlich von Kindern einerseits und älteren Menschen andererseits. Die Prognose der Heranwachsenden und jungen Erwachsenen dieser Patienten ist überdurchschnittlich gut, mehr als 80 % werden langfristig geheilt. Zur weiteren Erhöhung der Zahl langfristig geheilter Patienten ist neben neuen Therapiestrategien auch eine Verbesserung der Versorgung erforderlich.

Die Altersdefinition für Heranwachsende und junge Erwachsene ist in der medizinischen Fachliteratur nicht einheitlich. Als untere Grenze werden 15 – 18 Jahre, als obere Altersgrenze 28 – 39 Jahre verwandt. Im englischen Sprachraum werden sie als Adolescents and Young Adults bezeichnet, abgekürzt AYA.

Die Gruppe der Heranwachsenden und jungen Erwachsenen ist ziemlich bunt. Gemeinsame Merkmale sind die hohe Heilungschance, die Notwendigkeit zur Auseinandersetzung mit Krebs in einem schwierigen Alter, und die Angst vor Langzeitfolgen und Zweiterkrankungen.

1.2Wie häufig ist Krebs bei jungen Menschen?

Krebs ist vorwiegend eine Erkrankung des älteren Menschen. Bei Heranwachsenden und jungen Erwachsenen sind Krebserkrankungen relativ selten. Pro Jahr werden in Deutschland etwa 4.500 Patienten im Alter zwischen 15 und 39 Jahren neu diagnostiziert, bei insgesamt 450.000 Neuerkrankungen. Bei den unter 30jährigen sind Männer etwas häufiger, in der Altersspanne zwischen 30 und 40 Jahren sind Frauen häufiger betroffen, s. Abbildung 1.

Abbildung 1: Anzahl der Neuerkrankungen in Abhängigkeit vom Alter (Schätzung GEKID, logarithmische Skala) 
Anzahl der Neuerkrankungen in Abhängigkeit vom Alter (Schätzung GEKID, logarithmische Skala)

Je nach Altersgruppe verändert sich das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen, siehe Tabelle 1 und 2. Bei Frauen zwischen 20 und 30 Jahren ist das maligne Melanom, der schwarze Hautkrebs, die relativ häufigste Krebserkrankung. Im Alter zwischen 30 und 40 Jahren steht bei Frauen bereits der Brustkrebs an erster Stelle, an dritter Stelle der Gebärmutterhalskrebs. Bei Männern zwischen 20 und 35 Jahren macht Hodenkrebs fast die Hälfte der bösartigen Erkrankungen aus.

Tabelle 1: Relative Häufigkeit der Neuerkrankungen bei Frauen in Deutschland 2007 [GEKID] 

15 – 19 Jahre

20 – 24 Jahre

25 – 29 Jahre

30 – 34 Jahre

35 – 39 Jahre

Diagnose

%

Diagnose

%

Diagnose

%

Diagnose

%

Diagnose

%

Hodgkin Lymphom

27

Melanom

43

Melanom

21

Brustkrebs

32

Brustkrebs

41

Schilddrüsen-krebs

17

Hodgkin Lymphom

11

Brustkrebs

19

Melanom

16

Gebärmutter- halskrebs

13

Melanom

16

Gehirn

9

Schilddrüsen -krebs

13

Gebärmutter- halskrebs

14

Melanom

11

Leukämien

11

Schilddrüsen- krebs

8

Gebärmutter- halskrebs

12

Schilddrüsen- krebs

10

Schilddrüsen- krebs

8

Gehirn

7

Leukämien

8

Hodgkin Lymphom

8

Hodgkin Lymphom

4

Dickdarm- krebs

5

andere

22

andere

21

andere

26

andere

24

andere

22

Tabelle 2: Relative Häufigkeit der Neuerkrankungen bei Männern in Deutschland 2007 [GEKID] 

15 – 19 Jahre

20 – 24 Jahre

25 – 29 Jahre

30 – 34 Jahre

35 – 39 Jahre

Diagnose

%

Diagnose

%

Diagnose

%

Diagnose

%

Diagnose

%

Hodenkrebs

27

Hodenkrebs

43

Hodenkrebs

48

Hodenkrebs

44

Hodenkrebs

30

Hodgkin Lymphom

17

Hodgkin Lymphom

11

Melanom

10

Melanom

11

Melanom

12

Leukämien

16

Melanom

9

Hodgkin Lymphom

8

Non-Hodgkin Lymphom

6

Dickdarm- krebs

8

Non-Hodgkin Lymphom

11

Leukämien

8

Non-Hodgkin Lymphom

6

Gehirn

6

Non-Hodgkin Lymphom

7

Gehirn

7

Non-Hodgkin Lymphom

8

Leukämie

6

Dickdarm- krebs

6

Nierenkrebs

5

andere

22

andere

21

andere

21

andere

27

andere

38

Die Daten des Tumorregisters München zeigen die überdurchschnittlich gute Prognose der jungen Patienten, sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern, siehe Abbildung 2.

Abbildung 2: Relative Überlebensraten nach Alter (Daten des Tumorregisters München) 
Relative Überlebensraten nach Alter (Daten des Tumorregisters München)

(D. Hölzel und J. Engel, 2011)

1.3Gibt es Methoden der Vorbeugung und der Früherkennung?

1.3.1Vorbeugung

Eine allgemeine Empfehlung zur Vorbeugung von Krebs ist ein gesunder Lebensstil:

  • nicht rauchen

  • Übergewicht vermeiden

  • abwechslungsreiche, Gemüse-, Obst- und Ballaststoff-reiche Ernährung

  • hohe UV Belastung der Haut vermeiden

  • Impfung gegen HPV bei weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen vor dem ersten Geschlechtsverkehr;

Die HPV Impfung ist auch wirksam bei Männern und vermindert die Entstehung von Krebsvorstufen im Genitalbereich. Der Nachweis eines Einflusses auf die Krebshäufigkeit fehlt.

1.3.2Früherkennung

Es gibt kein sinnvolles Früherkennungsprogramm für Heranwachsende und junge Erwachsene ohne familiäre Belastung. Anleitungen zur Selbstuntersuchung der Haut, der Brust und der Hoden können sinnvoll sein. Kritische Selbstbeobachtung des eigenen Körpers ist hilfreich, krankhafte Angst vor Krebs nicht.

Bei Angehörigen von Familien mit bekannter Belastung wird frühzeitig eine genetische Beratung empfohlen. Früherkennungsmaßnahmen sollten spätestens 10 Jahre vor dem Alter der Erstdiagnose der erkrankten Verwandten beginnen.

Bei Heranwachsenden und jungen Erwachsenen mit anderen nachgewiesenen Risikofaktoren, z. B. einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, sollen über das Krebsrisiko beraten werden. Die gemeinsame Erstellung eines individuellen Plans für Früherkennungsmaßnahmen wird empfohlen.

2Aufklärung

Die Inhalte der Aufklärungsgespräche mit Heranwachsenden und jungen Erwachsenen sind in Tabelle 3 in Form einer Checkliste zusammengefasst.

Tabelle 3: Inhalte der Aufklärung von Heranwachsenden und jungen Erwachsenen 

Inhalt

Checkliste

Art der bösartigen Erkrankung und Stadium

Therapie

---

Standard

Alternativen

Studien

Festlegung des Behandlungsplans

Prognose

Nebenwirkungen

---

akute Nebenwirkungen

mittel- und langfristige Nebenwirkungen

Fruchtbarkeit

Strategien zur Vermeidung von Nebenwirkungen

psychoonkologische Unterstützung

soziale Unterstützung

Informationsmaterial, weitere Informationsquellen

Benennung der Ansprechpartner

3Behandlung

3.1Welche Behandlung wird empfohlen?

Die Behandlung ist bei Heranwachsenden und jungen Erwachsenen nicht grundsätzlich anders als bei älteren Patienten. Sie richtet sich nach dem Befund der Pathologie, dem Erkrankungsstadium, biologischen Risikofaktoren und möglicherweise bestehenden, anderen Erkrankungen. Allerdings ist die Biologie einer bösartigen Erkrankung bei jungen Menschen anders als bei älteren Menschen. Anders gesagt: Leukämie ist nicht gleich Leukämie, Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Innerhalb einer bestimmten Krankheitsgruppe, z. B. einer akuten Leukämie, kann man heute zahlreiche Untergruppen unterschieden. Manche Untergruppe spricht gut, manche weniger gut auf die verfügbare Behandlung an. Oft liegen bei jungen Menschen Krebsformen vor, die zwar am Anfang aggressiv wachsen, aber auch auf Behandlung besonders gut ansprechen.

Die Behandlung richtet sich nach der jeweiligen Erkrankung. Informationen über aktuelle Behandlungsempfehlungen sind in Tabelle 4 und 5 für die häufigeren Erkrankungen aufgeführt.

Tabelle 4: Empfehlungen und Informationsquellen zur Behandlung von Erwachsenen 

Tumorentität

Fachgesellschaft / Organisation

Quellen

ALL - Akute lymphatische Leukämie

Kompetenznetz Leukämie

ALL

AML - Akute myeloische Leukämie

DGHO

Kompetenznetz Leukämie

AML (Onkopedia

AML

Hodenkrebs

European Consensus Conference

Keimzelltumor

Hodgkin Lymphom

DGHO

Kompetenznetz Maligne Lymphome

HD (Onkopedia)

HD

Brustkrebs

AWMF S3 Leitlinie

DGHO

Mamma 032-045OL

Mamma (Onkopedua)

Melanom

AWMF S2 Leitlinie

MaM 032-024OL

Non-Hodgkin Lymphom, aggressiv

Kompetenznetz Maligne Lymphome

NHL

Weichteilsarkome

DGHO

Sarkome (Onkopedia)

Gebärmutterhalskrebs

AWMF S2 Leitlinie

Zervix 032-033

Tabelle 5: Empfehlungen und Informationsquellen zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen 

Tumorentität

Fachgesellschaft / Organisation

Quellen

ALL - Akute lymphatische Leukämie

AWMF S1 Leitlinie

GPOH

ALL AWMF 025-014

ALL GPOH

AML - Akute myeloische Leukämie

AWMF S1 Leitlinie

GPOH

AML AWMF 025-014

AML GPOH

Ewing – Sarkom und PNET

AWMF S1 Leitlinie

GPOH

Ewing AWMF 025-006

Ewing GPOH

Hirntumore

AWMF S1 Leitlinie

GPOH

ZNS AWMF 025-022

ZNS GPOH

Hodgkin Lymphom

AWMF S1 Leitlinie

GPOH

HDp AWMF 025-012

HD GPOH

Osteosarkome

AWMF S1 Leitlinie

GPOH

OS AWMF 025-005

OS GPOH

Non-Hodgkin Lymphom

AWMF S1 Leitlinie

GPOH

NHLp AWMF 025-013

NHL GPOH

Weichteilsarkome

AWMF S1 Leitlinie

GPOH

WTSp AWMF 025-007

WTS GPOH

Für bösartige Erkrankungen, die sowohl bei Kindern / Jugendlichen als auch bei Erwachsenen auftreten, gibt es in der Kinderheilkunde und in der Internistischen Onkologie unterschiedliche Behandlungskonzepte. Das betrifft das Hodgkin Lymphom, die akuten Leukämien, aggressive Non-Hodgkin Lymphome, Sarkome und bestimmte Hirntumore. Alle Behandlungskonzepte basieren auf Operation, Bestrahlung, Chemotherapie, gezielter Therapie, u. a.. Sie unterscheiden sich aber in Dosierung, Behandlungsdauer, Behandlungsabständen oder im Einsatz der Stammzelltransplantation.

Im Unterschied zu anderen Ländern macht es im deutschsprachigen Raum keinen prognostischen Unterschied, ob Heranwachsende nach Protokollen der Kinderheilkunde oder der internistischen Onkologie behandelt werden, siehe Wissensdatenbank AYA.

In Deutschland wurde festgelegt, dass Patienten bis zum Alter von 18 Jahren als ‚Kinder‘ gelten. Heranwachsende und junge Erwachsene sollen im Rahmen der Therapieoptimierungsstudien der internistischen Hämatologie und Onkologie bzw. der Kinderheilkunde behandelt werden, siehe Tabellen 4 und 5.

4Besondere Probleme

4.1Psychische, soziale und finanzielle Probleme

Eine Krebserkrankung gehört für alle Betroffenen zu den intensivsten Lebenserfahrungen. Bei Heranwachsenden und jungen Erwachsenen kommt die Erkrankung zu einem Zeitpunkt, an dem Gedanken an eigene Krankheit und Tod weit entfernt sind. Andere Themen stehen im Vordergrund, je nach Stadium der Persönlichkeitsreifung: Unabhängigkeit, Freunde und Partner, Sexualität, Mobilität, Alkohol- und Drogenkonsum, Lösung vom Elternhaus, Ausbildung, Arbeitsplatz und Karriere, Gründung einer Familie u. a..

Bei einer lebensbedrohlichen Krankheit stoppt diese Persönlichkeitsentwicklung. Es entsteht Abhängigkeit, oft auch wieder von den Eltern. Das Leben wird von außen bestimmt. Nicht wenige Patienten geraten in finanzielle Probleme.

Zur Betreuung von Heranwachsenden und jungen Erwachsenen gehören das frühzeitige und langfristige Angebot einer psychoonkologischen Betreuung und die professionelle Unterstützung bei der Bewältigung sozialer, auch beruflicher und finanzieller Probleme.

4.2Umgang mit einer Krebsbehandlung

Eine Krebsbehandlung ist körperlich und seelisch anstrengend. Viele Therapien ziehen sich über Monate, manchmal sogar über mehrere Jahre hin. Wer psychisch nicht stabil ist, private oder berufliche Probleme hat, bricht vielleicht sogar die Behandlung ab und gefährdet damit die Heilung. Heranwachsende und junge Erwachsene reagieren oft später auf kritische Nebenwirkungen, z. B. Fieber, und haben eher Probleme, Termine für Behandlungen und Kontrollen einzuhalten.

Strategien zur Unterstützung des Umgangs mit einer Krebsbehandlung sind

  • klare Informationen

  • Vermittlung von Zugang zu weiteren Informationsquellen

  • Vermittlung von Kontakten zu Gleichbetroffenen ähnlichen Alters

  • gleiche Sprachebene

  • Shared Decision Making (partizipative Entscheidungsfindung) ab dem ersten Arzt-Patient-Kontakt

  • Schaffen einer Vertrauensbasis

  • klare Festlegung der Ansprechpartner

  • aktive, verantwortliche Rolle des Patienten

  • Förderung der Persönlichkeitsentwicklung des Patienten

Nicht hilfreich seitens der Ärzte sind übertrieben beschützendes oder kontrollierendes Verhalten, und die Behandlung der jungen Erwachsenen als ‚Kinder‘.

4.3Umgang mit einer Krebsbehandlung

Eine Krebsbehandlung ist körperlich und seelisch anstrengend. Viele Chemotherapien ziehen sich über Monate, manchmal sogar über mehrere Jahre hin. Wer psychisch nicht stabil ist, private oder berufliche Probleme hat, bricht vielleicht sogar die Behandlung ab und gefährdet damit die Heilung. Aus der Erfahrung reagieren Heranwachsende und junge Erwachsene langsamer auf kritische Nebenwirkungen, z. B. Fieber, und haben eher Probleme, Termine für Behandlungen und Kontrollen einzuhalten.

Strategien zur Unterstützung des Umgangs mit einer Krebsbehandlung sind

  • klare Informationen

  • Vermittlung von Zugang zu weiteren Informationsquellen

  • Vermittlung von Kontakten zu Gleichbetroffenen ähnlichen Alters

  • gleiche Sprachebene

  • Shared Decision Making (partizipative Entscheidungsfindung) ab dem ersten Arzt-Patient-Kontakt

  • Schaffen einer Vertrauensbasis

  • klare Festlegung der Ansprechpartner

  • aktive, verantwortliche Rolle des Patienten

  • Förderung der Persönlichkeitsentwicklung des Patienten

Nicht hilfreich sind übertriebenes Beschützen oder Kontrollieren und die Behandlung der jungen Erwachsenen als ‚Kinder‘.

5Langzeitnebenwirkungen

5.1Langzeitfolgen der Behandlung und Zweiterkrankungen

Das erste Ziel der Behandlung ist die Heilung, das zweite Ziel die weitestgehende Vermeidung von Nebenwirkungen, einschl. Langzeitkomplikationen. Besonders belastend für Heranwachsende und junge Erwachsene sind Störungen des Körperbildes, die Beeinträchtigung der Fruchbarkeitt und das Risiko von Zweiterkrankungen.

5.1.1Fruchtbarkeit

Eine häufige Nebenwirkung von Krebsmedikamenten ist die Einschränkung der Funktion der Eierstöcke bei den Frauen und eine Verminderung der Produktion von Spermien bei den Männern. Auch die Bestrahlung des kleinen Beckens bei Frauen, der Hoden bei Männern und die Bestrahlung des Schädels beeinträchtigen die Fruchtbarkeit. Bei vielen Patienten erholen sich Eierstöcke und Hodengewebe. Risikofaktoren für eine dauerhafte Unfruchtbarkeit sind:

  • Alter zum Zeitpunkt der Behandlung

  • Art der Behandlung: Bestrahlung, Chemotherapie

  • Intensität der Behandlung und die Dosierung

Das Risiko der Unfruchtbarkeit und Methoden zur Vorbeugung sollen bei den Aufklärungsgesprächen diskutiert werden.

5.1.1.1Frauen

Chemotherapie oder eine Bestrahlung des Beckens können zu einem Versagen der Eierstocksfunktionen führen. Die Monatsblutungen bleiben aus oder sind unregelmäßig. Bei vielen Frauen ist diese Nebenwirkung vorübergehend, bei manchen kann es aber auch zu einem frühzeitigen Eintritt der Wechseljahre kommen.

Die Beobachtung der Monatsblutung ist unzuverlässig. Am besten geeignet zur Untersuchung der Funktion der Eierstöcke sind Blutuntersuchungen, vor allem des Anti-Müller Hormons (AMH). Es gibt allerdings keine Möglichkeit, mittels des AMH Wertes oder anderer Blutwerte sichere Aussagen zur Fruchtbarkeit zu machen.

Inzwischen stehen verschiedene Maßnahmen zum Erhalt der Fruchtbarkeit zur Verfügung. Die Wahl der geeigneten Methode ist abhängig von

  • Art der onkologischen Behandlung

  • der Aggressivität der Krebskrankheit und der Zeit bis zum Beginn der Krebsbehandlung

  • Partner

  • Alter

  • Patientenwunsch

  • Kosten

Patientinnen mit voraussichtlichem Kinderwunsch sollen vor Einleitung der onkologischen Therapie einem reproduktionsmedizinischen Zentrum mit Erfahrungen auf diesem Gebiet vorgestellt werden.

Ovariopexie

Die Eizellen sind hoch empfindlich gegenüber radioaktiven Strahlen. Wenn eine Bestrahlung des kleinen Beckens geplant ist, können die Eierstöcke vorher operiert werden. Dabei werden sie innerhalb des Bauchraums nach oben verlagert, so dass sie außerhalb des Bestrahlungsfeldes liegen. Wenn möglich, sollte diese Operation (Ovariopexie) mit Knopflochchirurgie durchgeführt werden oder im Rahmen einer offenen Tumoroperation. Aufgrund der Streustrahlung kann zusätzlich zur Operation auch Eierstockgewebe zum Einfrieren entnommen werden.

Bei kombinierter Bestrahlung und Chemotherapie ist das zusätzliche Schädigungsrisiko durch die geplanten Medikamente bei der Entscheidung für eine Operation zu berücksichtigen.

Einfrieren von Eizellen

Nach einer Hormonbehandlung werden Eizellen durch eine Punktion der Eierstöcke gewonnen. Bei Patientinnen mit festem Partner können sie direkt künstlich befruchtet und dann eingefroren werden. Allerdings können die befruchteten Eizellen nur mit dem Einverständnis beider Partner zurückgegeben werden.

Eine Alternative ist das Einfrieren von nicht befruchteten Eizellen. Die Chancen für eine Schwangerschaft sind geringer als beim Einfrieren von befruchteten Eizellen. Für die Hormonbehandlung werden etwa 14 Tage benötigt. Sie kann heute unabhängig vom Zyklus begonnen werden.

Einfrieren von Eierstockgewebe

Ein neuer Ansatz ist das Einfrieren von Eierstockgewebe. Dabei wird Eierstockgewebe durch eine Bauchspiegelung (Laparoskopie) gewonnen. Diese Methode wird nur Frauen bis zu einem Alter von 35 Jahren empfohlen. Die Maßnahme ist partnerunabhängig. Für den Eingriff sind 2 Tage erforderlich. Diese Methode ist experimentell. Weltweit sind Berichte von 9 Schwangerschaften veröffentlicht worden.

Hormonbehandlung

In Tierversuchen wurde gezeigt, dass eine Hormonbehandlung – eigentlich eine Antihormonbehandlung – das Versagen der Eierstockfunktion verzögern oder verhindern kann. Für die Behandlung von Menschen werden GnRH Analoga eingesetzt. Bei Strahlentherapie funktioniert diese Behandlung nicht. Bei Chemotherapie sind die Ergebnisse nicht einheitlich. Deshalb wird ihr Einsatz nicht als Standard empfohlen.

5.1.1.2Männer

Vorübergehende Unfruchtbarkeit ist die häufige Nebenwirkung einer Krebstherapie bei Männern. Diese Nebenwirkung kann bis zu zwei Jahre nach Ende der Behandlung bestehen bleiben. Bei einzelnen Männern kann die Unfruchtbarkeit auch dauerhaft sein. Zur Beurteilung der Zeugungsfähigkeit wird das Ejakulat auf die Konzentration, die Beweglichkeit und die Form der Spermien untersucht.

Kryokonservierung von Spermien

Das Einfrieren von Spermien ist eine sichere Methode. Sie wird vor Beginn der Chemotherapie oder der Bestrahlung durchgeführt. Eine optimale Ausbeute wird nach sexueller Abstinenz über mindestens 48 Stunden erzielt. Die Spermien können über mehr als 10 Jahre eingefroren werden.

Falls Masturbation oder Ejakulation nicht möglich sind, besteht die Möglichkeit der Spermiengewinnung durch eine Hodenbiopsie.

5.1.2Eine zweite Krebskrankheit

Junge Krebspatienten haben ein erhöhtes Risiko für eine zweite Krebserkrankung im Laufe ihres späteren Lebens. Welche zweite Krebskrankheit auftreten kann, hängt mit der ersten Krebskrankheit zusammen. Beispiele: Ein intensiver Raucher hat auch nach Heilung seiner ersten Krebskrankheit ein hohes Risiko, einen zweiten ‚Raucherkrebs‘ zu bekommen. Personen mit einer genetischen Belastung behalten dieses Risiko lebenslang. Bei Patientinnen mit Brustkrebs kann ein zweiter Krebs in der anderen Brust entstehen, bei Männern kann der andere Hoden betroffen sein.

Auch die Krebstherapie selbst kann die Entstehung von Krebs fördern. Sowohl die Bestrahlung als auch bestimmte Medikamente der Chemotherapie können gesunde Zellen so schädigen, dass später ein neuer Krebs entsteht. Das höchste Risiko besteht bei Kombinationen von Strahlen- und Chemotherapie bzw. bei einer Hochdosistherapie. Beispiele sind Brustkrebs bei Patientinnen nach Bestrahlung des Brustkorbs vor dem 30. Lebensjahr, Schilddrüsenkrebs nach Bestrahlung des Halses vor dem 20. Lebensjahr oder Leukämien nach intensiver Chemotherapie. Der relative Anteil von Krebserkrankungen, die durch Strahlen- oder Chemotherapie verursacht wird, ist allerdings gering.

Nachsorge ist auch Vorsorge. Für junge Krebspatienten sollen die behandelnden Ärzte individuelle Pläne zur Vorbeugung und zur Früherkennung von weiteren Krebserkrankungen erstellen.

5.1.3Weitere Spätfolgen

Vor allem die Chemotherapie und die Bestrahlung, aber auch Operationen, können langfristige Nebenwirkungen haben. Diese können den Hormonhaushalt (z.B. Unterfunktion der Schilddrüse), Herz und Gefäße, die Lunge, die Nieren und andere körperliche Funktionen betreffen. Diese Nebenwirkungen können zu belastenden Folgeerkrankungen und zu einer Einschränkung der Lebensqualität führen. Beratung, Diagnostik und Behandlung orientieren sich an den individuellen Risikofaktoren.

6Rehabilitation


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Die Krebskrankheit und die Behandlung können zu belastenden Folgestörungen führen. Wichtigste Ziele der Rehabilitation sind die Überwindung körperlicher Einschränkungen, die Förderung der Krankheitsverarbeitung, die Wiedereingliederung in das gesellschaftliche und das berufliche Leben.

Die Patienten sollen über die Möglichkeiten ambulanter und stationärer Rehabilitationsmaßnahmen sowie weiterer Ansprüche, die sich aus dem Sozialrecht ergeben, frühzeitig informiert werden. Hinsichtlich der Rehabilitationsklinik sollen die Wünsche der Patienten berücksichtigt werden (§9 SGB IX). Für Heranwachsende und junge Erwachsenen wird die Rehabilitation in Einrichtungen empfohlen, die auf die besonderen Bedürfnisse dieser Patientengruppe spezialisiert sind.

7Kurzfassung

Die Kurzfassung kann als Druckversion hier aufgerufen werden:

Kurzfassung Heranwachsende und junge Erwachsene (AYA)

8Weitere Infos

9Wer behandelt?

9.1Onkologische Zentren

Liste zertifizierter Onkologischer Zentren: https://www.onkologie-zertifizierung.de/

9.2DGHO Mitgliederdatenbank

9.3Links

Netzwerk für fertilitätsprotektive Maßnahmen

http://www.fertiprotekt.de/

Rehakliniken für Heranwachsende und junge Erwachsene

10Anschriften der Verfasser

Prof. Dr. med. Peter Borchmann
Uniklinik Köln
Klinik I für Innere Medizin
Kerpener Str. 62
50937 Köln
Tel: 0221 478-88159
Fax: 0221 478-88119
Dr. med. Pia Heußner
Klinikum der Universität München - Großhadern
Med. Klinik III
Interdisziplinäres Zentrum f. Psycho-Onkologie/IZPO
Marchioninistr. 15
81377 München
Tel: 089 4400-74917
Fax: 089 4400-78665
PD Dr. med. Inken Hilgendorf
Universitätsklinikum Jena
KIM II
Abt. für Hämatologie und Internistische Onkologie
Erlanger Allee 101
07747 Jena
Tel: 03641 9324664
Fax: 03641 9324237
Prof. Dr. med. Alexander Katalinic
Uniklinikum Schleswig-Holstein
Institut f. Krebsepidemiologie e. V.
Campus Lübeck
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck
Tel: 0451 500-5440
Fax: 0451 500-5441
Dr. med. Barbara Lawrenz
Universitäts-Frauenklinik Tübingen
Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin
Calwerstr. 7
72076 Tübingen
Tel: 07071 29-82211
Prof. Dr. med. Andreas Neubauer
Universitätsklinikum Gießen und Marburg
Hämatologie, Onkologie u. Immunologie
Baldinger Str.
35043 Marburg
Tel: 06421 5866273
Fax: 06421 5866358
Dr. med. Wolfgang Willenbacher
Universitätsklinikum Innsbruck
Innere Med. V
Hämato-Onkologie
Anichstr. 35
A-6020 Innsbruck
Tel: 0043 512 504-82057
Fax: 0043 512 504-25448
Prof. Dr. med. Bernhard Wörmann
Amb. Gesundheitszentrum der Charité
Campus Virchow-Klinikum
Med. Klinik m.S. Hämatologie & Onkologie
Augustenburger Platz 1
13344 Berlin
Tel: 030 450553219

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