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Klinefelter-Syndrom und Krebs

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Klinefelter-Syndrom und Krebs

Stand: Dezember 2011

1Wo ist das Problem?

Das Klinefelter-Syndrom wurde erstmals 1942 beschrieben. Es betrifft etwa 1 von 600 Männern und gehört damit zu den häufigen, angeborenen Veränderungen. Ursache ist mindestens ein zusätzliches X-Chromosom. Männer mit Klinefelter-Syndrom haben kleine Hoden mit verminderter oder fehlender Bildung von Spermien. Das männliche Sexualhormon Testosteron ist erniedrigt.

In vielen medizinischen Studien wurde über eine Verbindung zwischen Klinefelter-Syndrom und Krebs berichtet. Dies führt zu Ängsten bei den Betroffenen. Im folgenden sind die aktuellen Kenntnisse über Krebsrisiko, Krankheitszeichen und Behandlung bösartiger Erkrankungen beim Klinefelter-Syndrom zusammengefasst.

2Welches Krebsrisiko haben Männer mit Klinefelter-Syndrom?

2.1Allgemeines Krebsrisiko

Es gibt nur wenige große Untersuchungen über das Krebsrisiko bei Klinefelter-Syndrom. In keiner Studie fand sich ein erhöhtes Gesamtrisiko. Zwei seltene, bösartige Erkrankungen treten allerdings häufiger aus:

  • Brustkrebs

  • Keimzelltumor

Dazu kommen Berichte über

  • Lymphknotenkrebs und Leukämie

  • Lungenkrebs

  • Prostatakrebs

Die Lebenserwartung von Männern mit Klinefelter-Syndrom ist kürzer als bei anderen Männern. Allerdings ist diese kürzere Lebenserwartung nicht auf Krebskrankheiten, sondern auf andere Erkrankungen zurückzuführen.

2.2Einfluss weiterer Chromosomen-Veränderungen aus das Krebsrisiko

Charakteristisch für das Klinefelter-Syndrom ist ein zusätzliches X-Chromosom. Daraus resultieren insgesamt 47 statt 46 Chromosomen und die Formel 47, XXY. Sie wird bei mehr als 80 % der Betroffenen gefunden. Darüber hinaus werden bei Männern mit Klinefelter-Syndrom weitere Zahlabweichungen der Geschlechtschromosomen gefunden, z. B. 48,XXYY, 48,XXXY, 49,XXXXY. Alle diese Veränderungen treten auch als Mosaik auf, d. h. der Betroffene hat nebeneinander Zellen mit einem normalen und einem veränderten Chromosomensatz. Mit der Zahl der X-Chromosomen nimmt die Schwere des Krankheitsbildes zu.

In einzelnen Studien wurde eine Verbindung zwischen bestimmten Chromosomenveränderungen und Brust- oder Lymphknotenkrebs beschrieben. Das ist bisher nicht bewiesen.

3Brustkrebs

3.1Wie häufig ist das?

Brustkrebs ist bei Männern selten. In Deutschland wird die Zahl auf etwa 1 % aller Fälle mit Brustkrebs geschätzt. Das heißt, dass pro Jahr etwa 9 Personen auf 1.000.000 Einwohner erkranken. Das mittlere Erkrankungsalter liegt zwischen 65 und 70 Jahren.

Männer mit Klinefelter-Syndrom haben ein 15 - 50 fach erhöhtes Risiko für die Entstehung von Brustkrebs.

3.2Welche Krankheitszeichen sind typisch?

Typisch ist ein schmerzloser Knoten in der Brust. Oft besteht der Eindruck, dass Brustkrebs vermehrt bei Männern auftritt, die bereits eine Vergrößerung der Brustdrüse haben (Männerbusen). Bewiesen ist das nicht. 40 % der Männer mit Klinefelter-Syndrom haben eine vergrößerte Brustdrüse.

Weitere Hinweise auf Brustkrebs sind Veränderungen der Haut über dem Tumor und Veränderungen der Brustwarze wie Einziehung, Geschwür oder Austritt von Flüssigkeit. In frühen Stadien der Krankheit sind Patienten in ihrer Leistungsfähigkeit nicht beeinträchtigt.

3.3Vorbeugung und Frühdiagnostik

Es gibt kein Brustkrebsfrüherkennungsprogramm für Männer. Bei einer vergrößerten Brustdrüse und bei Veränderungen sollten weitere Untersuchungen eingeleitet werden. Eine persistierende Gynäkomastie bei Männern mit Klinefelter-Syndrom sollte abgeklärt werden.

3.4Welche Untersuchungen sind erforderlich?

Die Empfehlungen zum Brustkrebs beim Männern wurde nicht speziell für Männer mit Klinefelter-Syndrom entwickelt. Sie richten sich den allgemeinen Empfehlungen der Fachgesellschaften, siehe Mein Onkopedia Brustkrebs des Mannes.

Der erste Ziel der Untersuchungen ist die Bestätigung oder der Ausschluss des Verdachts auf Brustkrebs. Auch bei Männern wird zuerst eine Mammographie empfohlen, gefolgt von einer Probeentnahme. Weitere Untersuchungen sind Ultraschall und Magnetresonanztomographie (Kernspintomographie).

3.5Wie wird behandelt?

Der Brustkrebs des Mannes unterscheidet sich in wesentlichen Punkten vom Brustkrebs der Frau. Dies betrifft vor allem die Behandlung, siehe Mein Onkopedia Brustkrebs des Mannes.

Beim Brustkrebs des Mannes muss das gesamte Brustdrüsengewebe mit einem ausreichenden Sicherheitsabstand entfernt werden. Zusätzlich werden die Wächterlymphknoten untersucht. Die Brustwand wird bestrahlt, wenn bei der Operation kein ausreichender Sicherheitsabstand zwischen dem bösartigen und dem gutartigen Gewebe der Brustwand erreicht werden konnte. Bei 90 % der Patienten ist der Brustkrebs empfindlich für Östrogene. Ob eine weitere ergänzende Behandlungen erforderlich sind, richtet sich nach weiteren Risikofaktoren wie der Größe des Tumors, dem Lymphknotenbefall und seiner Aggressivität.

3.6Wie sind die Heilungschancen?

Die Heilungschancen bei Brustkrebs haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Sie sind bei Männern ähnlich wie bei Frauen. Je früher der Brustkrebs erkannt wird, um so besser die Prognose.

4Keimzelltumor


Case 9-2003; NEJM 348: 1150, 2003

4.1Wie häufig ist das?

Keimzelltumore sind bösartige Erkrankungen, die von sogenannten Keimzellen ausgehen. Bei Männern entstehen die meisten Keimzellturmore im Hoden und werden dann als Hodenkrebs bezeichnet. Keimzelltumor können auch außerhalb der Geschlechtsorgane. Sie werden dann als extragonadal bezeichnet. Extragonadale Keimzelltumore machen nur etwa 2 – 5 % der männlichen Keimzelltumoren aus.

Bei Männern mit Klinefelter-Syndrom treten gehäuft Keimzelltumore im vorderen Brustkorb auf. Sie werden als mediastinale Keimzelltumore bezeichnet. Weltweit wurden inzwischen über 80 Fallberichte von extragonadalen Keimzelltumoren bei Männern mit Klinefelter-Syndrom veröffentlicht. Das Alter liegt zwischen 4 und 30 Jahren.

Selten können extranodale Keimzelltumore im hinteren Bauchraum oder im Gehirn entstehen.

4.2Welche Krankheitszeichen sind typisch?

Typisch bei Jungen ist das frühzeitige Eintreten der Pubertät. Weitere Krankheitszeichen sind Husten, Luftnot und Schmerzen im Brustkorb.

4.3Welche Untersuchungen sind erforderlich?

Die Empfehlungen für weitere Untersuchungen und die Behandlung richten sich nach Leitlinien der Fachgesellschaft für alle Patienten mit Keimzelltumoren. Bei Verdacht auf einen bösartigen Tumor im Brustkorb werden Röntgenaufnahmen und Computertomographie durchgeführt. Bei den meisten Patienten sind die Tumormarker Alpha-Fetoprotein und / oder Beta-HCG erhöht. Wenn die Tumormarker nicht erhöht sind, ist eine Probeentnahme aus dem Tumor erforderlich. Anhand des Befundes der Pathologie werden verschiedene Untergruppen von Keimzelltumoren unterschieden.

4.4Wie wird behandelt?

Die Behandlung bei Patienten mit Keimzelltumoren erfolgt individualisiert. Patienten mit einem kleinen Tumor und geringem Rückfallrisiko werden wenig intensiv, Patienten mit großem Tumor und hohem Rückfallrisiko sehr intensiv behandelt. Patienten mit extragonadalen Keimzelltumoren haben ein erhöhtes Rückfallrisiko. Sie werden mit Chemotherapie, zusätzlich mit Operation und ggf. Bestrahlung behandelt. Wirksamste Substanz ist Platin.

4.5Wie ist die Prognose?

Patienten mit extragonadalen Keimzelltumoren haben eine hohe Heilungschance durch die intensive Behandlung.

5Blut- und Lymphknotenkrebs

5.1Leukämie

Es gibt eine ganze Reihe von Einzelberichten über Blutkrebs (Leukämie) bei Männern mit Klinefelter-Syndrom. Dadurch entstand der Eindruck, dass Leukämie bei diesen Männern gehäuft auftritt. In großen Beobachtungsstudien wurde dagegen kein erhöhtes Leukämie-Risiko berechnet. Eine mögliche Erklärung für diesen Unterschied liegt in der Besonderheit der modernen Leukämie-Untersuchungen: hierzu gehört heute eine genetische Untersuchung der Leukämiezellen. Dabei werden als Nebenbefund auch Männer mit Klinefelter-Syndrom entdeckt, bei denen der veränderte Chromosomenbefund vorher nicht bekannt war.

5.2Lymphom

Auch für Lymphknotenkrebs (Lymphom) liegen Einzelberichte vor. In keiner der großen Studien war das Risiko eine Erkrankung an Lymphknotenkrebs erhöht. Allerdings fand sich in einer Studie ein erhöhtes Risiko, an Folgen von Lymphknotenkrebs zu versterben. Diese Ergebnisse passen nicht vollständig zusammen.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Frage eines besonderen Risikos von Männern mit Klinefelter-Syndrom für Lymphome offen.

Es wird betroffenen Patienten dringend empfohlen, sich im Rahmen von Studien behandeln zu lassen. Patienten mit den verschiedenen Lymphom-Arten heute sehr gute Behandlungschancen.

6Lungenkrebs

6.1Wie häufig ist das?

Das Risiko für Lungenkrebs ist bei Männern mit Klinefelter-Syndrom um das 1,5 – 1,7 fache erhöht. Die Ursache ist nicht geklärt. Gerade beim Lungenkrebs spielt Rauchen eine besonders große Rolle. Gibt es mehr Raucher mit Klinefelter-Syndrom oder liegt es an dem zusätzlichen X-Chromosom ?

6.2Vorbeugung und Früherkennung

Es gibt kein Früherkennungsprogramm für Lungenkrebs. Angesichts des möglicherweise erhöhten Risikos bei Männern mit Klinefelter-Syndrom sind die Empfehlung zur Vorbeugung von Lungenkrebs besonders wichtig:

  • nicht rauchen

  • Vermeidung von Passivrauchen

  • Vermeidung von Schadstoffen, z. B. Asbest

  • Vermeidung von radioaktiven Strahlen

  • körperliche Aktivität

  • Ernährung, die reich an Früchten und frischen Gemüsen ist

Medikamente, Vitaminpräparate o. ä. zur Vorbeugung von Lungenkrebs werden außerhalb von Studien nicht empfohlen.

6.3Welche Untersuchungen sind erforderlich? Wie wird behandelt?

Die Empfehlungen zu weiteren Untersuchungen und zur Behandlung richten sich den allgemeinen Leitlinien der Fachgesellschaften zum Lungenkrebs. Eigene Empfehlungen für Männer mit Klinefelter-Syndrom sind nicht erforderlich.

7Prostatakrebs

7.1Wie häufig ist das?

In der Studie zum Krebsrisiko bei Männern mit Klinefelter-Syndrom war das Risiko für Prostatakrebs deutlich erniedrigt.

Gelegentlich wird die Sorge geäußert, dass die heute bei vielen Männern mit Klinefelter-Syndrom durchgeführte Testosteron-Ersatzbehandlung zu einem höheren Prostatakrebs-Risiko führen kann. Dafür gibt es keinen Beleg.

7.2Vorbeugung und Früherkennung

Die Empfehlungen zu Untersuchungen und zur Behandlung richten sich nach den Leitlinien der Fachgesellschaft zum Vorgehen bei Männern mit niedrigemTestosteron.

Vor Beginn einer Testosteronbehandlung werden Vorsorgeuntersuchungen mit Abtasten der Prostata, Bestimmung von PSA im Blut und ggf. eine Ultraschalluntersuchung der Prostata durchgeführt.

Unter der Testosteronbehandlung sollten regelmäßige Kontrollen erfolgen: alle 6 Monate im ersten Jahr, dann einmal pro Jahr. Dazu gehören das Abtasten der Prostata sowie eine Blutuntersuchung mit Bestimmung von PSA, Testosteron und Blutbild.

8Kurzfassung

Die Kurzfassung kann als Druckversion hier aufgerufen werden:

Kurzfassung Klinefelter-Syndrom und Krebs

9Weitere Infos

10Wer behandelt?

10.1Onkologische Zentren

Liste zertifizierter Onkologischer Zentren: https://www.onkologie-zertifizierung.de/

10.2DGHO Mitgliederdatenbank

11Anschriften der Verfasser

Prof. Dr. med. Bernhard Wörmann
Amb. Gesundheitszentrum der Charité
Campus Virchow-Klinikum
Med. Klinik m.S. Hämatologie & Onkologie
Augustenburger Platz 1
13344 Berlin
Tel: 030 450553219
Dr. rer. nat. Simone Heidemann
Institut für Tumorgenetik Nord
Praxis Dr. med. Lana Harder
Steenbeker Weg 23
24106 Kiel
Tel: 0431 260928-20
Fax: 0431 260928-13
Prof. Dr. med. Sabine Kliesch
Universitätsklinikum Münster
Centrum für Reproduktionsmedizin
und Andrologie
Klinische Andrologie
Domagkstr. 11
48149 Münster
Tel: 0251 8356096
Franz Schorpp
Deutsche Klinefelter-Syndrom Vereinigung e. V.
Markusweg 4
93167 Falkenstein
Tel: 09462 5673
Prof. Dr. med. Lothar Weißbach
Stiftung Männergesundheit
Reinhardtstr. 2
10117 Berlin
Tel: 030 27596020

12Erklärung zu möglichen Interessenkonflikten

Die Autoren geben keine Interessenkonflikte an.

Disclaimer

Mein Onkopedia richtet sich an Patienten, Angehörige und alle Interessierten. Es basiert auf den aktuellen Leitlinien der DGHO Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e. V. für Ärzte, zusammengefasst in Onkopedia. Diese werden in Kooperation mit der OeGHO Österreichische Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie, der SGMO Schweizerische Gesellschaft für Medizinische Onkologie, der SGH+SSH Schweizerische Gesellschaft für Hämatologie und der GPOH Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie, erstellt. Fachbegriffe und Medikamente sind in einem getrennten Verzeichnis erklärt. Mein Onkopedia bietet Informationen, es ersetzt in keinem Fall die persönliche ärztliche Betreuung bei Erkrankung und Beschwerden.